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Yoga für Wirtschaftswissenschaftler, Teil 1: Warum Denken wie ein Ökonom unglücklich macht

Wir stehen inmitten einer globalen Krise der psychischen Gesundheit. Wirtschaftswissenschaftler — selbst diejenigen, die sich mit Glück und Wohlbefinden befassen — sind weit davon entfernt, Lösungen beizusteuern. Vielleicht ist das Fachgebiet noch zu jung, um das zu erwarten? Ich glaube, die Diagnose ist noch schlimmer: ein Blick zurück auf die jahrtausendealte Erforschung des menschlichen Wohlbefindens in den östlichen Traditionen legt nahe, dass wir Wirtschaftswissenschaftler einen Teil des Problems verursachen – durch die Art und Weise, wie wir Generationen von Studenten selbstbewusst beibringen, dass die unsere “die richtige Art” zu Denken ist, und zwar nicht nur über die Wirtschaft, sondern auch über das Leben im Allgemeinen.

Man muss keine Verrenkungen machen, um diese Schlussfolgerung nachvollziehen zu können. Die Grundlage des Wohlbefindens in der yogischen Philosophie beinhaltet das Gebot, anderen Wesen keinen Schaden zuzufügen.[1] Im krassen Gegensatz dazu ist es in der Mainstream-Wirtschaftswissenschaft schlicht eine Frage der Legalität und des Preises, ob der Einzelne anderen “rationalerweise” negative Externalitäten auferlegen sollte.[2] Einem Yogi – oder auch einem Buddhisten – ist klar, dass es nahezu unmöglich ist, das geistige Gleichgewicht auf einem so wackeligen Fundament zu halten: die erste Person, die durch eine unheilsame Handlung geschädigt wird, ist der Handelnde selbst.

Ein zweites Beispiel: In den Wirtschaftswissenschaften bemühen wir uns sehr, in Opportunitätskosten zu denken: “Wenn ich diesen Artikel nicht lese, was könnte ich dann mit meiner Zeit anfangen?” “Wenn ich meinen Job aufgäbe, wie viel könnte ich dann in einem anderen verdienen?“ “Mit wem könnte ich stattdessen ausgehen, wenn ich meinen Partner verlasse?” Diese Denkweise widerspricht der grundlegenden Einsicht der östlichen Traditionen, dass das Glück in der freundlichen Akzeptanz und Wertschätzung der Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks liegt, und in der Dankbarkeit für das, was man bereits hat.[3] Das Vermeiden der Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks, indem man sich mit kontrafaktischen Zukunfts- oder Vergangenheitsszenarien ablenkt, ist nach dieser Ansicht die direkte Ursache des Leidens.

Die fortgeschrittenen Lehren der Wirtschaftswissenschaften machen die Sache noch schlimmer. Anekdotisch betrachtet sind beispielsweise Überlegungen darüber, ob unterschiedliche potenzielle Liebespartner Substitute oder komplementäre Güter sind, in der Regel auch nicht förderlich für harmonische Beziehungen.

Das sollte genügen um zu illustrieren, warum es nach östlicher Auffassung absurd ist, zu erwarten, dass das Denken eines Ökonomen zu einem friedlichen und glücklichen Geist führt oder auch nur einen solchen ermöglicht. Stattdessen stehen die Denkweisen, die zu wirtschaftlichem Erfolg führen, ganz offensichtlich im Widerspruch zu den Denkweisen, die zu geistigem Wohlbefinden führen. Um es klar zu sagen: Es geht hier nicht darum, ob die Denkweise der Wirtschaftswissenschaftler richtig oder falsch ist, sondern um die Frage, wozu die verschiedenen Arten des Denkens nützlich sind. Vielleicht sollten wir unsere Lehren entsprechend qualifizieren.

Was folgere ich also? Vielleicht, dass man sich nicht verbiegen muss, um zu glauben, dass Adam Smith eine gute Idee damit hatte, “moralische Gefühle” mit “Ökonomie” zu verbinden – und dass es vielleicht eine Idee ist, die es wert ist, wiederbelebt zu werden.

„Wie selbstsüchtig der Mensch auch sein mag, es gibt offensichtlich einige Prinzipien in seiner Natur, die ihn am Glück anderer interessieren und ihr Glück für ihn notwendig machen, obwohl er nichts davon hat, außer der Freude, es zu sehen. Von dieser Art ist das Mitleid, das Gefühl, das wir für das Elend anderer empfinden, wenn wir es entweder sehen oder es uns auf eine sehr lebendige Weise vor Augen geführt wird. Dass wir oft Mitleid mit dem Leid anderer haben, ist eine Tatsache, die zu offensichtlich ist, als dass man sie mit Beispielen belegen müsste; denn dieses Gefühl ist, wie alle anderen ursprünglichen Leidenschaften der menschlichen Natur, keineswegs auf die Tugendhaften oder die Humanen beschränkt, auch wenn sie es vielleicht mit der größten Sensibilität empfinden.“

[1] Es gibt offensichtliche Ähnlichkeiten mit christlichen und anderen westlichen religiösen Traditionen. Der Unterschied mag in den Zielen liegen, die die westlichen und östlichen Traditionen mit ihren moralischen Vorschriften zu erreichen versuchen; das Wohlbefinden ist das ausdrückliche Ziel des Yoga.

[2] Natürlich haben einige (vielleicht erleuchtetere) Wirtschaftswissenschaftler vorgeschlagen, Altruismus in unsere Beschreibungen des menschlichen Verhaltens einzubeziehen; ein frühes Beispiel finden Sie am Ende dieses Beitrags. Diese Ansätze werden jedoch in der Regel nicht in den Mainstream-Wirtschaftskursen behandelt. Tatsächlich ist der Autor dieses frühen Beispiels eher für ein späteres Buch bekannt, das die Macht der Märkte und nicht die der moralischen Gefühle betont.

[3] Verschiedene westliche Religionen propagieren natürlich auch das Üben von Dankbarkeit. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum religiöse Menschen im Durchschnitt glücklicher sind als Menschen, die keine religiösen Praktiken ausüben.

A shorter version was first published in Handelsblatt, 12 Oct 2021.

Am Geschäft mit Big Data kommt niemand mehr vorbei

“Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde… Und jedermann ging … in seine Stadt.”

Unvorstellbare Kosten hat diese erste Volkszählung verursacht! Anders heute. Daten zu sammeln ist heute so billig, dass wir es tun, ohne es zu merken. Unser Aufenthaltsort, Fahrverhalten, und Gesichtsausdruck, unsere Herzfrequenz, Schlafqualität, und Tippgeschwindigkeit — all diese Variablen werden im Sekundentakt von unseren Handys, Browsern und “wearables” abgezogen. Dank 5G noch hundertmal schneller als bisher.

Die Daten werden von Tech-Firmen nach Indizien durchkämmt, die unsere Zahlungsbereitschaft für alle vorstellbaren Güter und Dienste vorhersagen. Das Ganze hat weniger mit quasi-menschlichem “Denken” zu tun als mit relativ banaler, aber umfangreicher Datenanalyse.

Das ist das “Business of Big Data” — so der Titel meiner Oxford-Vorlesung und meines populärwissenschaftlichen Buches zum Thema. Dieses Geschäft wird lukrativer, je mehr die Kosten für Datenerhebung und -verarbeitung sinken.

Weil diese Kosten für alle Erdenbürger gleichermaßen fallen, werden maschinelles Lernen und KI innerhalb der nächsten Jahre alle Industrien grundlegend verändern — ob die dortigen Entscheider das schon wissen oder nicht. Niemand kann sich vor dieser Welle technologischen Wandels verstecken. Wer nicht auf der Welle reitet, wird überrollt und geht unter.

Die meisten deutschen Firmen scheinen das noch nicht verstanden zu haben, und hinken weit hinterher. Ob unsere Autos mit Diesel oder Elektroantrieb fahren ist zweitrangig. Was am Markt zählt ist Wert der Daten, die Tesla-Fahrer bei jedem Bremsmanöver generieren. Tesla ist nicht zehnmal mehr wert als Daimler, weil sie mehr Autos mit geringeren Spaltmaßen produzieren.

Unsere relativ stringenten Gesetze zum Schutz der Privatsphäre zu brechen stellt eine hinzunehmende, und in der Tat geringe, “cost of doing business” dar. Selbst die kürzlich gegen Google und Amazon verhängten Rekordstrafen in dreistelliger Millionenhöhe entsprechen nicht einmal einem Tausendstel des Marktwerts der gemaßregelten Firmen.

Unsere Wettbewerbshüter waren einst Vorreiter darin, den “tech” Firmen Grenzen aufzuzeigen. Anders heute. Während China aggressive neue Regeln für Tech-Konzerne schreibt und Amerika sowohl Google und Facebook für Marktmachtmissbrauch verklagt, hat die Europäische Kommission Pläne für neue Werkzeuge zum Wettbewerbsschutz aufgegeben. Außerdem gab sie das grüne Licht für den Kauf von Fitbit durch Google’s Mutterkonzern Alphabet. Die Auflage: Fitbits Gesundheitsdaten darf Alphabet nicht zum “targeting” von Online-Werbung verwenden. Sehr wohl aber für andere Zwecke – wie zum Beispiel dazu, Arbeitgeber über das Gesundheitsrisiko seiner Mitarbeiter zu informieren.

Die Eintrittskosten sind gering, auch für Interessierte mit nicht-technischem Hintergrund. Wer also seine Karriere noch nicht vom Kern heraus auf datengetriebene Geschäftsmodelle neu ausgerichtet hat, sollte vielleicht die Feiertage dazu nutzen, sich darüber Gedanken zu machen.

Erstmalig publiziert im Handelsblatt als “Am Geschäft mit Big Data kommt niemand mehr vorbei” am 24. Dezember 2020.

Regulierung ist Aufgabe der Politik — nicht von Investoren, Bankern oder Managern

Statt Politikern sollen plötzlich große Vermögensverwalter und Zentralbanken für Klimarettung und die Lösung anderer sozialer Herausforderungen sorgen. Das wird schief gehen. Echte Lösungen fußen auf Wettbewerb.

Das Klima wandelt sich. Großunternehmen machen Rekordgewinne, die Ungleichheit nimmt zu. Schuldige sind schnell gefunden: Manager und Investoren, die nach immer höheren Profiten streben, ohne Rücksicht auf Arbeiter, Umwelt und Allgemeinheit.

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